16.01.2026
„Doch, du schaffst das!“
Trotz ihrer Behinderung meistert Anja Pfaffenzeller ihr Leben mit Tatkraft, Abenteuerlust und Glauben – als Lehrerin, Vorbild und Botschafterin für Inklusion.

© Anja Pfaffenzeller
Als Kind fuhr Anja Pfaffenzeller ständig mit ihrem Fahrrad gegen Bäume – ohne zu wissen, dass sie nahezu blind ist. Trotz ihrer Behinderung meistert sie ihr Leben mit Tatkraft, Abenteuerlust und Glauben – als Lehrerin, Vorbild und Botschafterin für Inklusion. IDEA-Redakteurin Erika Weiss hat mit der 45-Jährigen gesprochen.
Anja Pfaffenzeller kam blind zur Welt. Schon im Mutterleib drückte ein winziger Tumor – kaum größer als eine Perle – auf ihren Sehnerv. Wie wenig ihre Tochter sehen konnte, ahnten die Eltern anfangs nicht und trauten ihr viel zu. „Sie haben mich nicht in Watte gepackt“, sagt die 45-jährige gebürtige Nürnbergerin.
Mit sieben Jahren lernte sie das Fahrradfahren – und wunderte sich, dass offensichtlich nur ihr „ständig Bäume im Weg standen“. Ärzte hatten bereits im Kindergartenalter festgestellt, dass ihre Sehkraft bei nur zwei Prozent liegt. Aber das verstand sie damals noch nicht. Zwei Prozent Sehkraft bedeuten: Pfaffenzeller erkennt Licht und kräftige Farben wie Rot und Blau. Sie registriert, wo in Räumen ein Fenster ist, und kann Schatten in gewohnten Umgebungen zuordnen.
Schritte in die Selbstständigkeit
Die ersten sechs Schuljahre besuchte Pfaffenzeller eine Blindenschule in Bayern. Als Zwölfjährige wechselte sie auf ein Internat für blinde und sehbehinderte Jugendliche in Marburg – der Stadt, die als „Hauptstadt der Blinden“ gilt: An keinem anderen Ort in Deutschland gibt es im Verhältnis zur Einwohnerzahl so viele Sehbehinderte. Dieser Schritt förderte ihre Selbstständigkeit und prägte sie tief.
Noch gut erinnert sich Pfaffenzeller an ihre erste Zugfahrt allein von Marburg nach Nürnberg. Sie war zwölf oder dreizehn. War sie aufgeregt? Ja. Ängstlich? Nein. Ihre Eltern dürften jedoch gezittert haben. Doch abholen konnten sie ihre Tochter nicht. Sie hatten noch zwei weitere Kinder und waren berufstätig. Also musste sich die älteste Tochter früh in Selbstständigkeit üben. Beim heikelsten Teil der Zugfahrt, dem Umstieg in Frankfurt am Main, half die Bahnhofsmission und führte Pfaffenzeller sicher durch das hektische Bahnhofsgewühl.
Erst handeln, dann denken
Im Internat wuchs in Pfaffenzeller der Wunsch, Lehrerin zu werden. „Mir war in der Schule oft langweilig, also habe ich meinen Mitschülern geholfen – das hat mir Spaß gemacht.“ Besonders dankbar ist sie für ihre Italienischlehrerin, die ihr das Interesse an fremden Sprachen und Ländern mitgab.
Pfaffenzeller studierte Lehramt in Marburg und verbrachte ein Auslandssemester in Italien. Angst vor einem Auslandsaufenthalt als blinde Frau kenne sie nicht. „Ich bin so ein Typ: Ich mache erst, und danach denke ich nach. Das kann manchmal ein Vorteil sein, manchmal ein Nachteil“, sagt sie lachend.
Es folgte das Referendariat in Mainz, „die schwierigste Zeit meines Lebens“, wie sie sagt. Die Schule war nicht auf eine blinde Referendarin eingestellt, und die Vorbehalte ihrer Mentoren waren groß. „Ich war jeden Tag damit beschäftigt, ihnen zu beweisen, dass ich das kann“, erinnert sie sich. Die angehende Lehrerin zweifelte an ihrer Berufswahl. Getragen haben sie in dieser Zeit vor allem ihr Glaube und andere Christen. Die Jahreslosung von 2009 aus Lukas 18,27 – „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ – wurde für die Christin zu einer persönlichen Zusage.
Von Brasilien nach Ostdeutschland
Einige Jahre nach dem Referendariat zog sie nach Brasilien und baute dort ein Reha-Projekt für blinde Menschen auf. Ihre sicherheitsliebenden Eltern – beide Beamte – sahen ihre Auslandsaufenthalte kritisch: „Für sie waren das Spielereien. Sie hätten lieber gesehen, dass ich Geld verdiene und mich stabilisiere“, sagt Pfaffenzeller.
Nach fünf Jahren kehrte sie nach Deutschland zurück, arbeitete in einer Rehabilitationseinrichtung in Halle (Saale) und wechselte schließlich an die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Chemnitz. Dort lernen rund 140 Kinder, von denen jedes ein unterschiedliches Sehvermögen hat. Neben Pfaffenzeller ist von den 60 Kollegen ein weiterer blind.
Die Vielfalt ihrer Klassen fordert Pfaffenzeller täglich heraus: „Ich brauche oft fünf verschiedene Arbeitsmaterialien für sechs Kinder.“ Sie unterrichtet verschiedene Klassen im Fach Computer sowie Englisch in der siebten und zehnten Klasse. Eine Assistenz unterstützt sie bei allem, was visuelle Kontrolle braucht. Moderne Technik wie Screenreader, Braillezeilen, KI-Scanner und digitale Tafeln machen für sie heute möglich, was früher undenkbar gewesen wäre.
Bürokratie und Abenteuerlust
Manchmal ist Pfaffenzeller für ihre Schüler ein Vorbild wider deren Willen. Wenn jemand sagt: „Ich kann das nicht“, entgegnet sie: „Doch, du schaffst das. Ich kann es ja auch.“ Mit einem Schmunzeln sagt sie: „Das lieben sie nicht immer.“ Aber sie weiß, wie wichtig es ist, junge Menschen mit Behinderung zu ermutigen.
Herausfordernd ist für sie weniger das Unterrichten als die Bürokratie. „Manchmal ist mir der Schulalltag ein bisschen zu strukturiert und bürokratisch. Da hätte ich gerne ein bisschen mehr Spontanität, Flexibilität und Freiheit.“
Hin und wieder kribbelt es ihr in den Fingern, sich ins nächste Flugzeug zu setzen – auf ins nächste Abenteuer. Doch ihr Grundgefühl ist Dankbarkeit: „Ich bin gern Lehrerin.“
Was Sehende tun sollten
Seit ihrem 16. Lebensjahr ist Pfaffenzeller Christin. Das kam nach einem langen Gespräch über Gott mit einem Mitschüler im Internat. Irgendwann fragte er: „Möchtest du deine Sünden vor Gott bekennen und Christ werden?“ Sie bejahte. „Und so bin ich nachts um vier Christ geworden“, erzählt sie. Heute gehört sie der Freien evangelischen Gemeinde (FeG) in Chemnitz an, arbeitet im Kindergottesdienst mit und engagiert sich in einem internationalen Hauskreis.
Zusätzlich ist sie im Leitungsteam des Arbeitskreises „PerspektivForum Behinderung“ der Evangelischen Allianz in Deutschland. Ihr Anliegen: „Gemeinden sollten beim Thema Behinderung viel präsenter sein. Es gibt so viele Menschen mit Behinderung. Aber sie sind die Gruppe in der Gesellschaft, die am wenigsten evangelisiert wird.“ Pfaffenzeller wünscht sich, dass Sehende mehr auf Blinde zugehen. „Manchmal stehe ich nach dem Gottesdienst etwas verloren mit einer Kaffeetasse in der Hand herum. Ich kann nicht über einen Blick mit den Menschen Kontakt aufnehmen.“
Wenn Pfaffenzeller über ihre Blindheit spricht, klingt keine Verbitterung an. Eher ein Staunen darüber, wie Gott Wege führt. „Wäre ich nicht blind, wäre ich nie nach Marburg gezogen, und ich hätte viele entscheidende Menschen nicht getroffen. Ich glaube, Gott hat sich etwas dabei gedacht.“
Und ob sie im Himmel sehen wird? Sie lacht: „Vielleicht. Vielleicht spielt es dort aber auch gar keine Rolle mehr.“
Quelle: idea, Porträt vom 03.12.2025, https://www.idea.de/artikel/doch-du-schaffst-das